Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
die Nachricht von der Schließung der Geburtshilfe sowie der Gynäkologie zum 1. Januar 2027 führt zu großer Verunsicherung und Sorge bei den Menschen in Schwalmstadt und der Region, da sich diese spürbar auf die regionale Daseinsvorsorge auswirken wird. Eine Schließung einer Geburtshilfestation ist – gerade in der heutigen Zeit, in der wir einen rückläufigen Geburtentrend haben – ein kommunikativ fatales Signal an die Menschen in der Region, welches weit über Paragraphen und Kostenrechnung hinaus wirkt. Einerseits sagt die Politik den Menschen, dass es zu wenig Kinder gibt und versucht, ihre Entscheidung positiv zu beeinflussen, andererseits begründet die Politik dann die Einschränkung einer wichtigen Infrastruktur für Kinder und werdende Eltern mit diesem rückläufigen Trend. Aus diesem Blickwinkel ist diese Entscheidung nicht nur nicht nachzuvollziehen, sondern mittel- bis langfristig wahrscheinlich sogar kontraproduktiv.
Aus Sicht des jeweiligen Krankenhauses und seiner Leitung stecken die Träger (egal ob privat oder öffentlich) beim Thema Geburtshilfe ein Stück weit in einem Dilemma. Einerseits gibt es einen rückläufigen Trend von Geburten in Ziegenhain, hier hat Asklepios versucht, mit verschiedenen Maßnahmen entgegenzusteuern. Dieses Gegensteuern von Asklepios möchte ich auf diesem Wege ausdrücklich auch anerkennen. Zusätzlich zu diesem rückläufigen Trend habe ich verstanden, dass lt. Pressemitteilung von Asklepios die „deutlich angehobenen strukturellen Anforderungen an die Vorhaltung der Geburtshilfe mit Inkrafttreten der Krankenhausreform ausschlaggebend“ waren.
Die Krankenhausreform wurde von der Bundesregierung beschlossen - die Krankenhausplanung ist Aufgabe des Landes Hessen, welches die Aufgabe hat, die flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen. Wichtig hierbei ist, dass bei dieser Planung die grundgesetzliche Verpflichtung zur Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen (Art. 72 GG) beachtet wird – hierzu gehört für mich auch, dass die Besonderheiten des „ländlichen Raumes“ hier nicht nur in Sonntagsreden, sondern auch in der tatsächlichen, konkreten Politik berücksichtigt werden. Die Berücksichtigung des ländlichen Raums in dem „konkreten Handeln“ ist die Forderung von mir als Bürgermeister der Stadt Schwalmstadt an die Landesregierung sowie die Bundesregierung – da ich nicht den Eindruck habe, dass dies tatsächlich ausreichend erfolgt.
Der Wert einer medizinischen Leistung kann nur schwer in Zahlen gemessen werden, denn hinter jeder Leistung steht ein Patient bzw. Mensch. Dennoch müssen die finanziellen Rahmenbedingungen für die medizinischen Leistungen gesetzt werden, auf der Einnahmen- wie auch auf der Ausgabenseite. Ein Krankenhaus muss wirtschaftlich arbeiten, hierzu gehört aber auch ein staatliches System, welches die richtigen Prioritäten bei dem Umfang und der Verteilung der medizinischen Leistungen setzt. Hinsichtlich der Zentralisierung von medizinischen Angeboten möchte ich In diesem Kontext auf die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung hinweisen. Während eine Zentralisierung und Spezialisierung bei planbaren Eingriffen – wie etwa Knie- oder Hüftoperationen – fachlich sinnvoll, effizient und nachvollziehbar ist, gilt dies nicht für eine Grundversorgung wie z.B. die Geburtshilfe. Das Vorhalten der flächendeckenden, medizinischen Grundversorgung ist eine gemeinsame Aufgabe des Bundes und des Landes Hessen, gerade um das im Grundgesetz verankerte Gebot gleichwertiger Lebensverhältnisse (Art. 72 GG) zu gewährleisten.
Ob es noch eine Aussicht gibt, die Geburtshilfestation über den 31.12.2026 hinaus zu betreiben, vermag ich nicht einzuschätzen. Unabhängig von dieser Hoffnung möchte ich darauf hinweisen, dass wir im Falle eines Wegfalls der Geburtenstation in Ziegenhain weiterhin neben Fritzlar und Kassel insbesondere mit Marburg eine sehr gute Universitätsklinik in der näheren Umgebung haben, die ein umfassendes und sehr gutes ärztliches Leistungsangebot insbesondere für Babys/Kinder sowie die Geburtshilfe rund um die Uhr bereitstellt. Dies ist kein 100%iger Ersatz für eine wohnortnahe Versorgung, aber weiterhin das Signal für die Menschen in Schwalmstadt sowie für Menschen, die überlegen hierher zu ziehen, dass es weiterhin eine gute ärztliche Versorgung in Schwalmstadt und der weiteren Umgebung gibt.
Abschließend möchte ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Geburtshilfe und Gynäkologie am Standort Ziegenhain ausdrücklich „Danke“ sagen. Die Beschäftigten haben über viele Jahre hinweg hervorragende Arbeit geleistet und unzählige Familien – so auch unsere - in dieser besonderen Lebensphase mit hohem persönlichem Einsatz professionell und einfühlsam begleitet.
Tobias Kreuter
(Bürgermeister)